WAS BRAUCHT MEINE STIMME?
Genau diese Frage solltest du dir stellen, bevor du ein Vocal Warm-up machst. Ich habe schon oft erlebt, dass Sängerinnen und Worship-Sänger vor dem Konzert ein Warm-up mit einem YouTube-Video gemacht haben und sich danach kein bisschen vorbereiteter fühlten. Im schlimmsten Fall war die Stimme danach sogar schon müde.
Ein Kernwert in unserem Coaching ist, dass wir die Stimme nicht isoliert vom Menschen betrachten. Stimme, Körper und innere Verfassung gehören zusammen. Genau diese Haltung solltest du auch bei deinem Warm-up einnehmen.
Bevor du also damit beginnst, deine Stimme aufzuwärmen, nimm dir kurz Zeit und stelle dir ein paar einfache Fragen:
Habe ich gut und ausreichend geschlafen?
Habe ich genug getrunken?
Wie fühlt sich mein Körper an? Sind meine Schultern oder mein Nacken verspannt?
Wie fühlt sich meine Kiefermuskulatur an?
Wie fühlt sich meine Stimme heute an?
Bin ich gestresst?
Diese kurze Selbstwahrnehmung hilft dir, dein Warm-up bewusst und sinnvoll zu gestalten. Nicht jedes Warm-up passt zu jeder Situation. Manchmal braucht deine Stimme Aktivierung, manchmal eher Entspannung und manchmal einfach ein paar ruhige Minuten, um wirklich anzukommen.
Tipps für ein ausgewogenes Warm-Up:
Ein gutes Warm-up beginnt nicht immer direkt mit der Stimme, sondern oft mit deinem allgemeinen Zustand. Höre in dich rein und erkenne, was du gerade brauchst. Wenn du dich müde oder unausgeschlafen fühlst, kann es helfen, zunächst deinen Kreislauf etwas zu aktivieren. Vielleicht hast du die Möglichkeit, vor der Probe oder dem Gottesdienst ein paar Minuten an die frische Luft zu gehen. Ein kurzer Spaziergang, bewusstes Atmen und etwas Bewegung können deinem Körper helfen, wacher zu werden und dich besser auf das Singen vorzubereiten.
Lippenflattern ist eine der effektivsten Möglichkeiten, die Stimme sanft zu aktivieren und „wach“ zu bekommen. Diese Übung gehört zur Gruppe der sogenannten SOVT-Übungen (semi-occluded vocal tract exercises). Das bedeutet, dass der Vokaltrakt teilweise verschlossen ist.
Durch diesen teilweisen Verschluss entsteht oberhalb der Stimmlippen ein leichter Gegendruck zum Luftdruck unterhalb der Stimmlippen. Dieser Rückdruck kann dabei helfen, dass die Stimmlippen freier und ausgeglichener schwingen.
Wenn dir Lippenflattern schwerfällt, kannst du alternativ auch mit einem Blubberschlauch (LaxVox) arbeiten. Das Prinzip ist ähnlich. Vielen Menschen fällt das Blubbern mit dem Schlauch leichter als das Lippenflattern. Außerdem können die Vibrationen im Wasser dabei helfen, die Stimme sanft zu aktivieren und festsitzenden Schleim zu lösen, sodass sich die Stimme wieder freier und leichter anfühlt.
Bevor ein Sänger/in heiser wird werden einige Stadien von Verspannungen im Hals, Enge, Kratzen usw. durchlaufen, welche aber im Eifer des Gefechts oft übergangen werden. Es ist erschreckend wie schnell man sich an unkomfortables Singen gewöhnen kann.
Wahrnehmung ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Nimmst du wahr, wenn du deine Stimme überforderst? Wenn ja wann? Erst wenn es zu spät ist und du heiser bist?
Keiner kann besser auf deine Stimme achten als du selbst. Deshalb ist es auch dein Job das zu tun!
Wenn singen sich nicht gut anfühlt, läuft auch irgendetwas schief.
Achte auf dich! Versuche in einer Überlastungs-Situation zu analysieren wo gerade dein Problem begründet ist und geh das Problem an.
Eine häufige Ursache welche zur Überlastung der Stimme führt ist Lautstärke. Egal wie laut die Band ist, du musst dich als Sänger/in GUT hören können. Schlechte Monitorbedingungen machen es fast unmöglich nicht in einen „Schrei-Modus“ zu rutschen. Dann gehen Nuancen flöten und es wird anstrengend.
Vom Singen, Trinken, Sinn und Unsinn
Ich werde oft gefragt welche Getränke gut für die Stimme sind und welche nicht. Ob Lutschpastillen helfen oder nicht……
Manchmal haben wir ein Bild von körperlichen Abläufen in unserem Kopf welche nicht ganz richtig sind.Manche haben die Vorstellung, dass Getränke an den „Stimmlippen vorbeispülen“ und entweder guttun oder auch nicht.
Um ein Verständnis von Sinn und Unsinn zu bekommen, macht es durchaus Sinn die anatomischen Gegebenheiten anzuschauen.
Die Stimmlippen liegen innerhalb des Kehlkopfes. Der Kehlkopf kann durch den Kehlkopfdeckel geschlossen bzw. geöffnet werden. Wenn wir schlucken verschließt er den Kehlkopf und verhindert, dass Essen in die Luftröhre gerät. Wenn wir atmen, öffnet sich der Kehlkopfdeckel und die Luft gelangt durch den Kehlkopf hindurch, über die Luftröhre in die Lunge. Ganz normal Vorgänge in unserem Körper. Solange nichts schief geht spüren wir davon nichts. Wenn aus Versehen Wasser in unsere Luftröhre gerät, wir uns also verschlucken, ist das unangenehm und löst Husten aus.
So, jetzt ist auch klar, dass das befeuchten der Stimmlippen nicht im bildlich, direkten Weg passiert. Das eiskalte Getränk mag zwar guttun, aber es spült nicht die Stimmlippen. Genauso wenig kommen „befeuchtende Wirkstoffe“ von Lutschpastillen in direkten Kontakt mit den Stimmlippen. Es werden höchstens ätherische Öle durch das Lutschen freigesetzt, welche über die Atmung tatsächlich einen kühlenden Effekt auf die Stimmlippen haben können.
Was macht also Sinn?
Es macht Sinn auf den Wasserhaushalt im Körper zu achten. Wenn der Mund trocken ist und man Durst verspürt, ist es eigentlich schon zu spät. Besser ist es nach Uhrzeit und Menge zu trinken. Dabei ist zu beachten, dass Alkohol und Kaffee die Schleimhäute austrocknen. Die Stimmlippen sind von Schleimhaut umgeben. Wenn dein Mund trocken ist kannst du davon ausgehen, dass es deinen Stimmlippen ähnlich geht.
Singen ist körperliche Arbeit. Deshalb brauchst du, wie beim Sport, viel Flüssigkeit.
Führe feste „Trinkzeiten“ ein. Damit verhinderst du, dass du erst trinkst wenn deine Schleimhäute bereits leiden.
Twang ist eine Gesangstechnik, die dir dabei hilft, hohe Töne mit Power, aber ohne Druck zu erreichen.
Der aryepiglottische Sphinkter – auch Trichter genannt – befindet sich oberhalb der Stimmlippen. In der Zeichnung unten ist dieser Bereich türkis dargestellt. Er wird durch eine Membran gebildet, die zwischen den Aryknorpeln und dem Kehldeckel gespannt ist.
Wenn sich die Aryknorpel dem unteren Teil des Kehldeckels annähern, verkleinert sich die Öffnung dieses Trichters – und Twang entsteht.
Man kann sich das ein wenig wie bei einem Wasserschlauch vorstellen: Wenn du den Schlauch leicht zusammendrückst, wird der Wasserstrahl stärker und fokussierter. Ähnlich verhält es sich bei der Stimme. Durch die Verengung im oberen Bereich des Vokaltrakts wird der Klang gebündelt.
Für eine flexible und gesunde Gesangstechnik spielt Twang eine wichtige Rolle. Man unterscheidet dabei zwischen einem notwendigen Twang, der für eine stabile Stimmlippenfunktion sorgt, und einem
stärker ausgeprägten Twang, der bewusst als Klangfarbe eingesetzt wird. Je stärker der Twang, desto heller und schärfer wird der Klang.
Ein wichtiger Effekt von Twang ist die Veränderung der sogenannten Sängerformant-Region. Dabei steigt die Energie im Frequenzbereich zwischen etwa 2000 und 4000 Hertz. Genau in diesem Bereich ist
das menschliche Ohr besonders empfindlich. Der Ton wird dadurch für dich und Zuhörer deutlich präsenter wahrgenommen, auch wenn du physisch nicht mehr Kraft aufwendest.
Zusätzlich verändert sich die Druckverteilung im Vokaltrakt. Durch die Verengung im Bereich des aryepiglottischen Sphinkters steigt der supraglottische Druck – also der Druck oberhalb der
Stimmlippen. Dieser wirkt stabilisierend auf die Stimmlippenschwingung und unterstützt den subglottischen Druck, also den Luftdruck unterhalb der Stimmlippen.
Das Ergebnis ist ein Klang, der sich fokussierter, tragfähiger und oft auch müheloser anfühlt – besonders in höheren Tonlagen oder in kraftvollen Passagen.
Ein gutes Beispiel für einen twang-geprägten Sound im Worship-Gesang findet man bei vielen aktuellen Worship-Produktionen. Wenn du dir zum Beispiel Corey Asburys Song „Egypt“ anhörst, besonders
in den kraftvollen Passagen, kannst du diesen klar gebündelten und präsenten Stimmsound gut wahrnehmen. Die Stimme setzt sich auch über einer vollen Band sehr gut durch.
Ein weiteres Beispiel ist der Song „Ain’t No Grave“, der unter anderem von Bethel Music mit Molly Skaggs gesungen wird. In den intensiveren Stellen hört man deutlich diese charakteristische
Schärfe und Fokussierung im Klang.
Gerade im Worship-Gesang ist Twang ein wichtiger Faktor, weil viele Songs dynamisch aufgebaut sind und sich die Stimme auch in kraftvollen Momenten frei und tragfähig anfühlen soll.
Tipps du Twang finden kannst:
ege deine Zunge wie eine Rutschbahn in deinen Mund. Der hintere Teil der Zunge ist dabei leicht angehoben und liegt breit an den oberen Backenzähnen an. Die Zungenspitze berührt locker die unteren Schneidezähne.
Lass deine Zunge in dieser Position und imitiere einmal bewusst den Klang eines amerikanischen Feuerwehrautos, einer nervigen Katze oder eines quengelnden Babys. Du kannst auch mehrmals „Ney“
sagen. Achte dabei darauf, wie deine Stimme plötzlich schärfer, klarer und präsenter wird, ohne dass du dich stärker anstrengen musst.
Beachte:
Twang in dieser Übungsform klingt nicht „schön“. Versuche also gar nicht erst, den Klang ästhetisch zu gestalten. In dieser Übung haben Hauchigkeit und Vibrato keinen Platz.
Wichtig:
Wenn es im Hals kratzt oder sich unangenehm anfühlt, ist das ein Zeichen dafür, dass es nicht richtig ist!
Singen sollte sich immer komfortabel und frei anfühlen.